Story Nr. 1

Ms.Ghoul beobachtete ihre Kinder missbilligend, wie diese über die gemähten Felder tobten. Die Frau von sechs Sprösslingen war alt geworden. Die Sorge um ihre Familie und das harte Leben hatten tiefe Falten in die Haut gegraben und die früher dunkelbraunen Haare grau gefärbt. Nach Jasper und Mary-Ann hatte der Herr ihr noch ein Mädchen geschenkt, Magdalena.                                                                                                             Elisabeth, die Älteste, war mittlerweile 16 und längst bereit zum Heiraten. Ihr Vater hatte auch schon einen Mann gefunden, machte aber ein großes Geheimnis um ihn. Jasper und Mary-Ann waren nun fünf Jahre alt, Magdalena zwei.

Jasper wurde verwöhnt, schließlich war er der einzige Junge in der Familie. Das bekam vor allem seine Zwillingsschwester zu spüren. Trotz ihres zarten Alters hatte sie schon mehr häusliche Pflichten zu erfüllen als ihre älteren Schwestern. Ein Grund dafür war wohl ihre Andersartigkeit.                        So füllte Ms.Ghoul in diesem Moment ihre Lunge mit Luft, um gleich darauf „Marie!“ zu rufen. Sie benutzte nur selten den richtigen Namen - Mary-Ann, da dieser ihr viel zu vornehm erschien. Die Gerufene kam sogleich angelaufen, die Wangen rot, die Haare zerzaust. Ein leichtes Schmunzeln glitt über Ms.Ghoul’s Gesicht. Doch schon befahl sie mit Eiseskälte in der Stimme: „Geh und bereite die Wohnstube für unseren Besuch vor.“ „Was denn für ein Besuch ?“, wollte Mary-Ann wissen. „Ein hoher Besuch, höher, als du jemals einen bekommen wirst. Und nun  sei nicht so neugierig und erledige deine Arbeit.“ „Jawohl, Mutter.“  Mary-Ann senkte demütig den Kopf und kämpfte gegen die brennenden Tränen an. Schnell eilte sie in das Gebäude, das sie ihr Zuhause nannte. Was hatte sie nur getan ? Sie wünschte sich doch nichts mehr, als einmal umarmt, getröstet zu werden. In der Wohnstube stieß das Mädchen mit Lucie zusammen. Die Magd war gerade dabei, den Holzvorrat für den nächsten Winter in ein Holzregal zu stapeln. Nun jedoch wandte sie sich ihrem Schützling zu. „Sieh mich an. Du bist ja ganz verweint. So kann eine vornehme Dame doch keine Besuch empfangen.“ Tröstend strich sie über das kleine, nasse Gesicht. „Und nun erzähl mir, was dein Herz so trübt.“ Nach ein paar Schluchzern fing Mary-Ann zu sprechen an. Wie sehr sie sich die Liebe ihrer Mutter wünschte, dass sie doch alles für diese tat, und dass sie niemals hohen Besuch empfangen würde. Danach fühlte sich das Mädchen gleich viel besser. Sie vertraute Lucie eben voll und ganz. Das wurde dieser gerade klar. „Ich habe ihr reines Vertrauen gar nicht verdient…“, dachte sie bei sich. Schnell begann sie, Mary-Ann zu trösten. „ Was die Herrin angeht, sie hat manchmal einen schlechten Tag. Und weißt du, es ist nicht so leicht, sechs Kinder satt zu kriegen. Das darfst du dir nicht so zu Herzen nehmen. Und ich glaube an dich, und deswegen denke ich, dass auch du einmal hohen Besuch bekommen wirst. Habe etwas Geduld, die Zeit wird alles zeigen.“ Das Kind sah sie an, und nickte mit neuem Mut. Schnell raffte sie sich auf, um ihre Arbeit zu erledigen. Lucie sah ihr nach.  „Ja, die Zeit wird alles zeigen…“

21.11.13 20:30

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